Schreiben von Maria Osenberg an den Rosenhof Berlin-Zehlendorf, Januar 2009
Herr Direktor Gocht hat zum Neujahrsempfang
alle Bewohner eingeladen.
Ich fragte mich, was fang´ ich an,
gehe ich hin oder zum Baden?
Ich trinke weder Sekt noch Wein,
auch Bier und Korn sind ausgeschlossen.
Es darf nicht einmal Kaffee sein.
So habe ich bei mir beschlossen,
diesen Empfang zu ignorieren.
Saß vormittags über Papieren
und dachte wieder an den Mann,
mit dem ich alles wollte teilen.
Schau auf die Uhr, muss mich beeilen,
das Mittagessen fängt gleich an.
Als ich den Speisesaal betreten,
war ich erstaunt über die Leere
und saß am Mittagstisch allein.
Erst da fiel der Empfang mir ein.
Allmählich füllte sich der Saal.
Viele Bewohner schienen heiter.
Ich hörte auch, wie schön es war,
und die Kapelle spielte weiter.
So fühlte ich mich hingezogen,
mit andern nach dem Mittagsmahl
nach vorn zu gehn. `S ist nicht gelogen:
Dort gab es sogar Damenwahl.
Drei Männer spielten hier ganz flott
zum Tanze auf. Ich sah nur Beine.
Vergessen schien der Alltagstrott,
doch ich war wieder mal alleine.
Da nahm ich einfach meinen Stock,
und siehe da, es ging ja noch.
Ich konnte mich damit bewegen
und dachte an mein früh´res Leben.
Vergaß mich anscheinend dabei
und spürte plötzlich keine Schmerzen.
Mir schien sogar, als sei ich frei
davon, doch pochte laut mein Herze.
So musste ich ganz kurz pausieren,
doch gleich danach ging´s wieder los.
Wollt´ ich mich endlich profilieren;
denn ich fand mich selber famos.
Fragte mich nicht, was andre dachten,
sah ich doch hier, was viele machten.
Dieser Empfang war eine Wucht
und ist für´s nächste Jahr wenn Gott will bereits gebucht.
