Hamburger Abendblatt, März 2009

Ein Leben voller Musik - seit 108 Jahren

Von Miriam Opresnik

Als er 70 Jahre alt wurde, hat sich Helmuth Fink oft vorgestellt, dass es bald zu Ende geht. Das Leben. Sein Leben. 70 Jahre, das war schon ein stolzes Alter, fand er. 70 Jahre, das war ein Alter, in dem es für Männer normal war zu sterben. Damals. Damals, in jenem Jahr, als Greenpeace gegründet wurde und McDonald's seine erste deutsche Filiale eröffnete. Damals, als im Kino ein Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle lief und Walter Ulbricht als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED zurücktrat. Damals, 1971.

Als er 80 wurde, hat Helmuth Fink sich nicht mehr vorgestellt, dass das Leben bald zu Ende geht. Auch nicht, als er 90 wurde. Noch nicht einmal mit 100. Und heute? Heute fragt er sich erst recht nicht, ob es bald zu Ende geht. Das Leben. Heute lebt er einfach. Heute ist Helmuth Fink 107 Jahre alt und einer der ältesten Deutschen. Am Mittwoch wird er 108.

Wenn man ihn fragt, wie alt er sich fühlt, lacht Helmuth Fink. "Fragen Sie lieber, wie jung ich mich fühle", kontert er und schiebt die Antwort sofort hinterher. Irgendwas in den 70ern. So jung fühlt er sich. So jung wie seine Kinder. Wie sein Sohn Freimut (73) und seine Tochter Mignon (78). Na gut, räumt er ein, die Augen machen nicht mehr so mit wie mit 70, die Ohren auch nicht. "Aber der Rest - der klappt noch", sagt er stolz.

Erst vor zwei Jahren, mit 106, ist er von seiner Wohnung in Eppendorf in eine Seniorenresidenz gezogen. In den Rosenhof 1 nach Großhansdorf. Davor hat er fast sein ganzes Leben in Hamburg gewohnt. Er hat erlebt, wie Altona zu Dänemark gehörte und später eingemeindet wurde. Wie der Kaiser mit einer Kutsche durch die Straßen fuhr und die ersten Autos in Bahrenfeld vorgeführt wurden. Wie Petroleum von Gas abgelöst wurde und Gas von Strom. Wie Hamburg zugebaut und ausgebombt wurde - und wieder neu aufgebaut. Und er hat zwei Weltkriege erlebt. Den Ersten voller Enthusiasmus, Stolz - als Mitglied des Bahrenfelder Freicorps. Den Zweiten voller Verzweiflung, Angst. Doch darüber spricht Helmuth Fink nicht gerne. Darüber, wie er gleich am ersten Tag eingezogen wird. Darüber, wie er in russische Kriegsgefangenschaft gerät und im Ural Zwangsarbeit leisten muss. Und darüber, wie er sich von aufgebrühten Tannennadeln ernährt und so hungrig ist, dass er im Abfall der Offiziere nach Essensresten sucht. Nein, darüber spricht Helmut Fink nicht gerne. Vielleicht, weil er damals oft gedacht hat, dass es zu Ende geht. Das Leben. Sein Leben.

Es ist ein Leben für die Musik. Schon als kleiner Junge ist Singen für ihn das Größte. "Vielleicht, weil meine Mutter mir schon in der Schwangerschaft vorgesungen hat", sagt Helmuth Fink. Darüber spricht er wieder gerne. Er wird als drittes Kind der Familie geboren. Doch er wächst als Einzelkind auf, seine Brüder sterben beide nach einer Impfung. Und trotzdem sei es eine schöne Kindheit gewesen, sagt Fink und erzählt Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Aus fast vergessenen Zeiten. Von seinem Großvater, der beim König von Hannover als Leibkutscher arbeitete und später bei der letzten Pferdebahn in Hamburg beschäftigt war. Von seinen Eltern, die ein Feinkostgeschäft in Eimsbüttel und einen Eier-Großhandel hatten. Und von seiner Oma, mit der er sich ein Zimmer in der Vier-Zimmer-Wohnung teilen musste und die ihm verboten hat, Geige zu üben. "Also habe ich mich nachts raus auf den Balkon geschlichen und dort mit einem Tonwolf geübt, einem Metallstück, das die Lautstärke in der Geige gedämpft hat", erinnert sich Fink. Die Erinnerungen an jene Zeit sind so präsent wie die Melodien von Bach und Beethoven, die Helmuth Fink sein Leben lang gespielt hat. Zuerst auf dem Klavier, dann auf der Geige und schließlich auf der Querflöte. Er war ein Musik-Genie, ein Feingeist. Und trotzdem, das ist Herrn Fink ganz wichtig, sei er kein Stubenhocker gewesen. Als Hamburger Jung raufte er mit den Nachbarn auf der Straße, als Jugendlicher tobte er sich im Eimsbütteler Turnverein aus - und erlangte einen Meistertitel nach dem anderen. Er wird Hamburger Meister und deutscher Hochschulmeister im 800-Meter-Lauf, bevor er zusammen mit zwei Freunden den Weltrekord im "Dreimal-1000-Meter"-Staffellauf aufstellt. "Das war schon 'ne tolle Sache", meint Herr Fink. Am Tollsten sei aber gewesen, dass er über den Sport seine Frau kennengelernt hat. Angelica. "Ich hatte sie schon bei meiner Konfirmation gesehen, hab sie aber erst Jahre später angesprochen", sagt Fink und erzählt, wie das damals war. Wie er Angelica auf einem Sportfest getroffen und gefragt hat, ob es stimmt, dass sie eine der schnellsten Läuferinnen ist. Am 27. Januar 1928 heiraten die beiden. Es ist der Geburtstag des Kaisers - und der Beginn von 67 Ehejahren. Irgendwann, ein paar Jahre später, ändert er seinen Namen. Von Fick in Fink. Weil der für einen berühmten Musiker besser geeignet war. Denn Helmut Fink war ein berühmter Musiker. Dabei musste er zuerst auf Wunsch seiner Eltern Jura studieren. Doch noch während seines Studiums in Innsbruck kauft er sich für 30 Mark eine Querflöte und tritt in Hamburg, Paris und Berlin auf. Als er durch die Prüfung zum Referendar fällt, haben seine Eltern ein Einsehen. Das Flötenspielen wird für Fink zum Beruf. Zur Berufung.

Er hat schon gesungen, bevor Johannes Heesters (105) auf die Welt kam. Helmuth Fink erlebte den letzten Kaiser und die ersten Autos, zwei Weltkriege und ging mit 66 in Pension. Nächste Woche beginnt sein 109. Lebensjahr.
Er spielt an der Oper von Harburg und schließlich an der Staatsoper und der Oper von Kiel. Irgendwann nach dem Krieg beginnt er beim Nordwestdeutschen Rundfunk (später NDR) als Erster Flötist und spielt auf Konzerten in Japan, Schweden, Belgien und Holland. Heute spielt er nicht mehr. Heute fehlt ihm die Luft dazu. Aber er gibt immer noch Unterricht und spielt selbst Keyboard. Das Instrument steht neben seinem Schreibtisch. Dort, wo Helmuth Fink jeden Tag sitzt und seine Gedanken aufschreibt. Nach dem Tod seiner Frau Angelica 1994 hat er damit angefangen. "Die Gedanken sind frei - auch wenn der Körper es vielleicht nicht mehr ist", sagt er und liest ein Gedicht, das er gerade geschrieben hat. "Sonntagnachmittag" hat er es genannt. Kostprobe: "Es fehlt mir heute jeder Schwung, mental zu einem Hürdensprung. Zusätzlich spielt die Welt verrückt. Milliardenpleiten Stück für Stück. Und Wasserfluten, Feuerwalzen, die Hoffnung, Pläne, Glück versalzen ... Was auch kluge Denker reden, wir alle müssen's miterleben. Die Welt wird schlimmer jeden Tag. Wer ahnt schon, was noch kommen mag." Er hat das Gedicht auf ein altes Kalenderblatt geschrieben. Es sind nur noch wenige Tage bis zu seinem Geburtstag. Er freut sich drauf. Und er wird sich nicht fragen, ob es sein letzter ist. Ob das Leben zu Ende geht. Auch nicht mit 108. Oder vielleicht erst recht nicht mit 108.

 

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