Frankfurter Allgemeine Zeitung

01. April 2008

Wie eine idyllische Insel im Nazi-Terror

Helga Flatauer aus der jüdischen Familie Paderstein erlebt auf Hof Häusel eine unbekümmerte Kindheit. Dann beginnt die Ausgrenzung.

Von Heike Lattka
Eppstein/Kronberg

Die Rückkehr dauerte lange: Fast genau 40 Jahre ließ sich Helga Flatauer Zeit, bis sie in Begleitung ihres Ehemanns im Jahr 1978 erstmals nach der Emigration wieder nach Eppstein kam. Doch schon bei der Einkehr im Naussauer Hof wurde ihr schnell deutlich, dass ihre Familie in dem Taunusstädtchen keineswegs in Vergessenheit geraten war: “Eine geborene Helga Paderstein sind Sie?“, fragte der Tischnachbar in der Gaststube freudig erregt. Sie habe ihm als Bub einmal fünf Mark eingebracht, die ihr erleichterter Vater jedem Schulkind aus Vockenhausen aus Dankbarkeit für die Genesung seiner Tochter von einer schweren Krankheit spendiert habe, berichtete er und scherzte: „Ihr Name hat bei mir seitdem einen sehr guten Klang.“

So ungebrochen positiv wie die Erinnerung an die ehemals auf dem Hof Häusel lebende wohlhabende jüdische Familie Paderstein sind im Gegenzug die Gefühle von Helga Flatauer, der ältesten Tochter der Padersteins, nicht. Hunderte von Tagebuchseiten hat die heute 87 Jahre alte Rentnerin seit 1934 beschrieben, die Briefe der Eltern allesamt gesammelt. Sie legen Zeugnis ab von den Anfängen der Judenverfolgung, der Emigration der Familie nach Brasilien und berichten schließlich über Helga Flatauers eigene Rückkehr vor zehn Jahren nach Kronberg. Die Dokumente sollen von der Historikerin Anna Schmidt zu einem Buch aufbereitet werden.

Warum sie heute als Witwe nach all den Jahrzehnten in Brasilien doch wieder in Deutschland im Kronberger Rosenhof unweit ihres Geburtsortes lebt, kann Helga Flatauer nicht so recht erklären. Vater Wilhelm als Träger des Eisernen Kreuzes Erster Klasse aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, zählte zu Paderborns ersten Familien, die nicht nur Dortmunder Union Brauerei, sondern auch ein eigenes Bankhaus gegründet hatten. Dass es den Spross in den Taunus zog, er dort auf dem Hof Häusel ein stattliches Gut und eine international anerkannte Pferdezucht aufbaute, wurde von der Familie unterstützt. Wie eine idyllische Insel weitab vom Weltgeschehen sei dieser abgelegenen Hof gewesen. Das Einmaleins habe sie überhaupt nicht interessiert, zumal draußen vor der Tür doch die Pferde, Katzen und Hühner auf sie warteten , erinnert sie sich. Geradezu schwärmerisch berichtet Flatauer von einem Weihnachtsabend mir der Großmutter Lieschen, die mit schöner Stimme „Stille Nacht“ intoniert habe, erzählt von der Köchen Frieda, der Putzfrau Mina, dem Stubenmädchen Hanna und dem Krummbeinigen Hofmeister Ehlert und seinen Kindern, die allesamt zur Bescherung unter den Weihnachtsbaum gekommen seien. Doch auch wenn sie es damals nicht ahnte – es zogen schon dunkle Wolken über ihrem Leben auf.

Zunächst durfte die blonde Helga mit den strahlend blauen Augen nicht mehr den Reitercorso in Wiesbaden anführen, dann verschwand schließlich das gesamte Hauspersonal, das nicht mehr für Juden arbeiten durfte. Und schließlich war es auch den „jüdischen“ Pferden der Padersteins untersagt, an den arischen Rennen in Deutschland teilzunehmen. Als ihr Reitlehrer, der „Onkel Heini“, gekommen sei und ihr mit bedauerndem Blick klargemacht habe, dass eine Jüdin keinen Platz mehr auf dem Rücken seiner Pferde habe, sei das für sie „wie das Ende der Welt gewesen“, sagt Flatauer. Obwohl die Bedrohung immer greifbarer wurde, bereitete die Familie erst Anfang 1938 die Auswanderung vor. Aber ohne den Stempel des Pfarrers aus Bremthal, der ein Visum für die „katholische Familie Paderstein“ ausstellte, wäre ihr Leben wohl nicht gerettet worden, vermutet sie. Und auch das Abschiedsgeschenk des Hauslehrers Heiner Fernkorn ist ihr in positiver Erinnerung geblieben: ein Kästchen samt eingeschnitztem Exlibris mit der Inschrift „Gib Licht, Helga Paderstein“. All die Jahre hat sie das Präsent begleitet. 70 Jahre nach der Flucht liegt es nun gut behütet im Schreibtisch der alten Dame im Rosenhof.

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